Blindenführhunde im Dienste des Menschen

Sitz Platz Fuss Heft mit Tanja Kohl

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Wahre Helden

17. Januar 2013 | Von  | Kategorie: Besondere Themen

Artos
In den SPF-Ausgaben 05 & 06 erschienen die ersten beiden Teile einer Artikelserie von Tanja Kohl über die Ausbildung des Blindenhund Artos. Dessen Geschichte ist jedoch noch nicht ganz erzählt – lesen Sie nachfolgend die Teile 3 (Einarbeitung) und 4 (Nachbetreuung). Für alle später hinzu gekommenen Leser/innen gibt es hier  Teil 1 Teil 2 als PDF.

“Die Einarbeitung” von Tanja Kohl

Bei der Einarbeitung soll aus dem ausgebildeten Blindenführhund und seinem sehbehinderten oder blinden Besitzer ein Team entstehen. Für die Einarbeitung stehen in der Regel zwischen zwei und vier Wochen zur Verfügung. Eine Einarbeitung stellt hohe Anforderungen an den Blindenführhundausbilder.  Denn dieser sollte einerseits Einfühlungsvermögen für den Sehbehinderten und dessen neue Situation mitbringen, sowie die Fähigkeiten besitzen, aus den beiden Individuen ein funktionierendes Team zu bilden.

Nun war es endlich soweit, der spannendste Teil der Blindenführhundversorgung, die Einarbeitung, sollte heute beginnen. Als ich Sandra, die künftige Besitzerin von Artos, am Zug abholte, war sie sehr aufgeregt und freute sich unglaublich auf ihren neuen Begleiter. Wir fuhren zuerst einmal in den nahen Stadtpark, damit Artos und Sandra sich bei einem entspannten Spaziergang näher kennen lernen konnten. Sandra hatte ein Händchen für Artos, denn als sie ihn freudig heranrief, stürmte Artos zu ihr und stupste an ihre Hand. Nachdem Artos sich einige Streicheleinheiten und natürlich auch ein Leckerchen abgeholt hatte, schickte ihn Sandra wieder zum Laufen. Bei diesem ersten Spaziergang merkte ich schon, dass die Beiden einen guten Draht zueinander hatten und Sandra war die Freude über ihren neuen Führhund anzusehen. Nachdem Spaziergang machten wir uns auf den Weg in die Führhundschule. Nun besprach ich mit Sandra, was wir in den kommenden Wochen der Einarbeitung vorhatten. Neben der Führarbeit standen auch theoretische Grundlagen auf unserem Stundenplan. Die Theorie umfasste die Themen zur Pflege und Fütterung des Hundes, die Erläuterung der Hörzeichen, Spezielle Regelungen zum Blindenführhund, Rechtsgrundlagen und Gesetzestexte zum Blindenführhund, Reisen mit dem Hund und einen Erste Hilfe Kurs (mit praktischen Übungen z.B. dem Anlegen eines Pfoten Verbandes). Nachdem wir alles ausführlich besprochen hatten bekam Sandra ihr neues Führgeschirr. Damit ausgestattet machten wir uns auf den Weg zu einem Waldstück mit asphaltiertem Gehweg. Zuerst gaben wir Artos die Gelegenheit sich zu lösen und nachdem wir zwanzig Minuten gelaufen waren, bat ich Sandra Artos heranzurufen und ihm das Führgeschirr anzulegen. Artos kam freudig heran und steckte seinen Kopf ins Führgeschirr. Nachdem Sandra das Hörzeichen „voran“ zum losgehen ausgesprochen hatte, lief Artos los und führte Sandra in der Hälfte der Zeit zurück zum Auto. Artos stoppte am Auto und Sandra legte das Führgeschirr auf seinem Rücken ab, beugte sich hinunter zu ihm und drückte ihn an sich und flüsterte lobende Worte in sein Ohr. Artos wedelte und ich war gerührt von diesem Anblick.

Nun war es bereits Nachmittag geworden und ich brachte Sandra und Artos in ihr Hotel. Im Hotel angekommen zeigte ich Sandra die Räumlichkeiten, damit sie sich dort orientieren konnte. Außerdem liefen wir noch zu der am Hotel befindlichen Wiese, wo sie am späten Abend noch kurz mit Artos hingehen konnte. Dann ließ ich die Beiden alleine.

Am nächsten Tag holte ich die Beiden am Hotel ab und wir gingen erst einmal in den großen Park um Artos seinen Auslauf zu gönnen. Sandra rief Artos zwischendurch immer mal zu sich und freute sich wenn er sofort herankam. Anschließend machten wir einen kurzen Führgang im Wohngebiet und ließen Artos eine Ampel anzeigen und überquerten die Straße. Danach durfte Artos eine Bank anzeigen und Sandra freute sich darüber, dass Artos die Aufgaben so freudig erledigte. Nachdem wir wieder in die Führhundschule gefahren waren, arbeiteten wir das erste Kapitel der Theorie durch. Da Sandra bereits einen Führhund hatte, kannte sie sich sehr gut aus und wusste bereits viel über die einzelnen Themen. Nach einer verdienten Pause zogen wir nochmal los und fuhren zum Baumarkt. Hier sollte Artos zeigen, dass er das Hörzeichen „Folgen“ gelernt hatte und nachdem Sandra es ausgesprochen hatte, lief Artos dem Verkäufer hinterher bis zur besprochenen Holzabteilung. Sandra lobte Artos ausgiebig und dann durfte Artos wieder zurück zum Ausgang führen. Trotz der im Baumarkt befindlichen Hindernisse und herumfahrenden Einkaufswagen, lenkte Artos Sandra sicher zum Ausgang. Sandra war begeistert und das spürte Artos.

Nun konnten wir uns an den ersten Vertrauensbeweis wagen und fuhren zum Bahnhof. Nachdem ich Sandra die Gegebenheiten gezeigt hatte, holten wir Artos aus dem Wagen. Sandra sollte mit Artos im Führgeschirr direkt auf den Abgrund des Bahnsteigs zugehen. Als sie Artos losschickte, lief er zuerst zielstrebig voran, wurde dann langsamer und stellte sich am Abgrund quer vor Sandra. Sie lobte ihn wieder ausgiebig und wir beendeten die Übung. Nach einer kurzen Pause im Cafe nahmen wir uns den nächsten Theorieteil vor und Sandra erfuhr einiges über die Zugangsrechte ihres Blindenführhundes in Geschäfte und öffentliche Einrichtungen wie dem Rathaus. Nach einem nochmaligen Spaziergang brachte ich die Beiden ins Hotel.

Am nächsten Tag wollten wir den ersten Führgang in der Stadt wagen. Nach einem ausgiebigen Spaziergang fuhren wir in die Stadt und ich erklärte Sandra den Weg, den wir zurück legen wollten. Sie gab Artos das Hörzeichen zum loslaufen und Artos führte sie an allen Hindernissen (wie Aufsteller, Blumenkübel und Obstständen) sicher vorbei und Sandra entspannte sich immer mehr beim Laufen. Ich sah das Vertrauen förmlich wachsen und die Beiden liefen schon so gut zusammen, als wären sie schon einige Monate und nicht erst wenige Tage miteinander unterwegs. Natürlich versuchte Artos auch ab und zu Sandra zu testen und nahm gelegentlich die Nase zum schnüffeln nach unten. Sandra bemerkte es aber sofort und korrigierte ihn mit einem „Nein“ und der Erinnerung zum weiter führen mit dem Hörzeichen „voran“.

Nun hatten wir uns eine Pause verdient und fuhren zum Mittagessen in die Führhundschule. Anschließend besuchten wir nochmal den Stadtpark und ich zeigte Sandra welche Spiele für einen Führhund sinnvoll sind und welche nicht. Sandra ließ Artos einen Dummy bringen und lobte ihn ausgiebig, wenn er ihn ihr freudig in die Hand legte. Nach dem Spiel und einem Spaziergang wollten wir nun eine Zugfahrt in Angriff nehmen. Wir fuhren zum Bahnhof und ich erklärte Sandra wie sie am besten mit ihrem Führhund ein- und aussteigen sollte. Sandra und Artos meisterten auch diese Aufgabe gemeinsam und nach der Zugfahrt fuhren wir zur Führhundschule und Sandra lernte in einem Erste Hilfe Kurs für Hunde wie man dem Hund einen Pfoten Verband anlegt, wo man den Puls des Hundes messen kann und vieles mehr. Nach Abschluss des Kurses brachte ich die Beiden wieder ins Hotel.

Am nächsten Tag zeigte ich den Beiden wie sie gemeinsam an einer großen Baustelle vorbeikommen. Dazu fuhren wir zu einer solchen Baustelle und ich zeigte Sandra erst einmal die örtlichen Gegebenheiten, damit sie sich ein Bild davon machen konnte. Dann musste Artos sein ganzes Können zeigen, denn bei dieser Baustelle musste er ein Stück auf der Straße an der Baustelle vorbei führen, da der Gehweg komplett versperrt war. Auch diese Aufgabe meisterten die Beiden und es war schön mit an zusehen, dass sie von Tag zu Tag ein immer besseres Team wurden. Am Nachmittag mussten die Beiden bei einem Führgang durch die Stadt zeigen, dass auch Höhenhindernisse, wie LKW-Außenspiegel, Schilder und Jalousien, kein Problem darstellten. Darüber hinaus übten wir das Anzeigen verschiedener Nahziele wie einem Briefkasten, einem Automaten sowie einem Schalter.

Am vierten Tag der Einarbeitung begannen wir mit einem Spaziergang im Stadtpark, wo Artos im Freilauf mit anderen Hunden toben durfte und Sandra ihn immer mal wieder zu sich rief, was er trotz der Spielkameraden befolgte und dafür ausgiebig gelobt wurde. Anschließend fuhren wir mit dem Bus in die Stadt um dort einen Führgang in verschiedene Geschäfte (zum Einkauf) zu absolvieren. Für den Rückweg zur Führhundschule nahmen wir den Zug. Sandra und Artos arbeiteten vertrauensvoll zusammen und es war eine Freude dabei zuzuschauen. Durch die Erfahrung von Sandra mit ihrem vorherigen Führhund gelang es ihr sehr schnell sich Artos Führung anzuvertrauen und ihm dafür auch die richtige Bestätigung zu geben. Den Nachmittag nutzten wir um die noch ausstehende Theorie durchzugehen.

Nun war der fünfte Tag angebrochen und nach einem ausgiebigen Spaziergang und einem abschließenden Führgang durch die Stadt, machten wir uns auf den Heimweg zu Sandras Wohnort. Dort angekommen absolvierten wir den Führgang zum Spazierweg mit einem anschließenden Spaziergang, damit Sandra am Wochenende auch die Möglichkeit hatte, alleine mit Artos zum Spazierweg zu gelangen. Danach ließ ich die Beiden für die nächsten zwei Tage alleine.

Nach dem Wochenende fuhr ich zu Sandra und nachdem ich erfahren hatte, dass sie ein ruhiges Wochenende mit Artos verbracht hatte, besprachen wir die Wege, die Sandra an ihrem Wohnort mit ihrem Führhund zurücklegen wollte. Danach begannen wir mit dem wichtigsten Weg, der führte Sandra zu ihrer Arbeitstelle. Sandra arbeitete an der hiesigen Grundschule als Lehrerin. Da Sandra eine sehr gute Orientierung hat, gab sie Artos die richtigen Hörzeichen wie z.B. rechts voran, links Such Bord(stein) oder Such Ampel, so dass wir in fünfzehn Minuten die Grundschule erreicht hatten. Durch das zurückliegende Wochenende hatte sich die Bindung der Beiden weiter gefestigt und das stärkte auch ihre Zusammenarbeit im Führgeschirr. In den nächsten Tagen der Einarbeitung nahmen wir uns noch alle weiteren Wege vor, die Sandra benötigte, wie den Gang zum Metzger, zur Sparkasse, zur Post, zum Bürgerbüro, zum Cafe, zur Bushaltestelle, eine Busfahrt in die Großstadt mit dortigem Führgang in verschiedene Geschäfte sowie den Gang zum Pferdestall.

Der Gang zum Pferdestall war am letzten Tag der Einarbeitung und Sandra dirigierte Artos mit den Richtungskommandos zum Stall. Artos lief so zielgerichtet, dass wir den Eindruck hatten, als würde er den Weg schon kennen. Als wir im Stall ankamen, begrüßte Artos Sandras Pferd als wäre er schon immer hier gewesen. Während Sandra ihre Dressurstunde nahm, wartete Artos ganz geduldig in der Pferdebox (er hatte sich im warmen Heu eingerollt und schlief tief und fest). Die Beiden hatten in der zurückliegenden Einarbeitung gezeigt, dass sie als Team zusammen gewachsen sind und alle Anforderungen, die der Alltag und das gemeinsame Laufen mit sich bringt, bewältigen können.

Nun konnte ich die Beiden guten Gewissens alleine lassen. Sie mussten nun ihre Erfahrungen im Alltag sammeln und Sandra wusste, dass sie mich jederzeit anrufen konnte, falls ein Problem mit Artos auftauchen würde. Für diesen Fall standen Sandra insgesamt zehn Tage Nachbetreuung zu, die Sie jederzeit in Anspruch nehmen konnte. Nun war es Zeit zu gehen und ich streichelte zuerst Artos nochmal und verabschiedete mich danach von Sandra und wünschte ihnen eine schöne und lange gemeinsame Zeit als Team. Der Abschied fiel mir leichter als gedacht, denn ich wusste das Artos in den allerbesten Händen ist!

“Die Nachbetreuung” von Tanja Kohl

Die Nachbetreuung umfasst in der Regel fünf Trainingstage und kann vom Sehbehinderten bei Bedarf abgerufen werden. Eine Nachbetreuung ergibt sich zum Beispiel in dem Fall, wenn sich mit der Zeit beim Führen Fehler eingeschlichen haben, wie das Hinziehen des Führhundes im Dienst zu Artgenossen oder das unerlaubte Aufnehmen von auf dem Boden liegenden Essensresten.

Seit der Abgabe von Artos waren nunmehr eineinhalb Jahre vergangen und zwischenzeitlich hatte ich mehrmals mit Sandra telefoniert, um nachzufragen, ob die Zusammenarbeit der Beiden immer noch so gut funktionierte. Sandra war sehr zufrieden und konnte sich ein Leben ohne Artos gar nicht mehr vorstellen. Als Sandra mich einige Wochen später anrief, war sie sehr angespannt. Sie erzählte mir von einem schlimmen Vorfall, der sich ereignet hatte. Vor einigen Monaten hatte eine ihrer Nachbarinnen einen neuen Hund bekommen. Bei diesem Hund handelte es sich um eine große Mischlingshündin, die bereits drei Jahre alt war und aus schlechter Haltung stammte. Zuerst fiel die Hündin überhaupt nicht auf. Begegnungen von Artos und der neuen Hündin verliefen freundlich und so machte sich Sandra auch keine Sorgen als sie eines Tages mit Artos durch das Treppenhaus des Mietshauses lief und auf einmal die Wohnungstür der besagten Nachbarin aufging. Die Mischlingshündin kam aus der Wohnung gelaufen und stürzte sich direkt auf den vorbeilaufenden Artos und verbiss sich in seiner Flanke. Artos jaulte auf und Sandra brüllte vor Schreck laut los. Die Nachbarin kam herbeigeeilt und zerrte ihren Hund von Artos weg und verschwand mit der Hündin in ihrer Wohnung. Sandra tastete Artos ab und als sie keine Wunde fühlte, überlegte sie kurz was sie tun sollte und entschied sich dafür, ihren vorgesehen Weg zum Spazieren gehen fortzusetzen.

Auf der Hundewiese angekommen erzählte sie den anderen Hundehaltern sofort die Geschichte und bat einen von ihnen sich Artos mal genauer anzusehen. Nachdem dieser an der von Sandra beschriebenen Stelle nachgesehen hatte, konnte er deutlich ein Loch erkennen. Artos hatte eine Verletzung davon getragen. Sandra ließ sich und Artos sofort von einem der Hundehalter zum nahegelegenen Tierarzt bringen. Nachdem die Wunde versorgt worden war, setzte sie sich mit der Besitzerin der Hündin in Verbindung und informierte sie über die Verletzung. Diese entschuldigte sich und sicherte sofort die Übernahme der anfallenden Tierarztkosten zu. Darüber hinaus versprach sie von nun an besser auf ihren Hund aufzupassen. Die körperlichen Wunden verheilten schnell, aber Artos zeigte seit dem Vorfall Anzeichen von Ängstlichkeit, wenn er an der Haustür der Hundebesitzerin vorbeiging. Das war nun auch der Grund von Sandras Anruf. Wir vereinbarten in der nächsten Woche einen Nachbetreuungstermin, wo ich mir vor Ort ein Bild über die Problematik machen wollte. Als ich bei Sandra ankam, wurde ich freudig von Artos begrüßt. Sandra erzählte mir, dass sie Artos jetzt nur noch angeleint an der Haustür der Nachbarin vorbeiführen konnte und nicht freilaufend wie vor dem Vorfall. Ich bat sie sich so wie immer zu verhalten und Artos für das rausgehen fertig zu machen. Sandra nahm die Leine rief Artos zu sich und leinte ihn an. Danach nahm sie das Führgeschirr in die Hand, denn sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht Artos erst unten vor der Ausgangstür des Mietshauses anzuschirren. Wir gingen ins Treppenhaus und die erste Treppe lief Artos noch freudig mit aber danach sah man ihm seine zunehmende Verunsicherung an und er folgte Sandra nur noch zögerlich. Als wir an der Haustür der Nachbarin vorbeigegangen waren, wurde Artos immer schneller und blickte sich, bis wir die Ausgangstür erreicht hatten, häufig hektisch um. Vor der Ausgangstür angekommen zog sie ihm das Führgeschirr an und wir gingen zu einer nahgelegenen Wiese, wo Artos frei laufen konnte. Danach kehrten wir zur Wohnung zurück. Zuerst einmal fragte ich Sandra, wie sie sich fühlte, wenn Sie durch das Treppenhaus ging. Sandra gab zu, dass sie immer noch sehr angespannt und unsicher war, denn das Erlebnis war noch sehr präsent in ihrem Kopf. Ich musste Sandra eine Möglichkeit geben, sich sicherer zu fühlen. Sandra musste das Gefühl haben, dass sie einem nochmaligen Angriff dieses Hundes nicht wehrlos ausgeliefert war, sondern es eine sehr einfache, aber wirksame Methode gab, sich und ihren Hund zu schützen. Ich erklärte ihr, dass sie ab jetzt immer eine kleine Wasserflasche mitnehmen sollte und falls der Hund nochmal angreifen sollte, diesen ordentlich nass spritzen und ihr Führgeschirr schützend zwischen die Hündin und Artos bringen sollte. Durch das nass spritzen des anderen Hundes würde sich dieser erschrecken und den Rückweg antreten. Alleine durch das Erklären dieser Methode fühlte sich Sandra nicht mehr so hilflos ausgeliefert und strahlte damit auch für Artos wieder mehr Sicherheit aus. Sandra war auch aufgrund ihres vorhandenen Sehrestes in der Lage diese Abwehr umzusetzen. Nun konnten wir zu Artos Therapie kommen. Ich erklärte Sandra die Vorgehensweise. Danach lief ich mit Sandra und Artos durchs Treppenhaus und machte Artos das Treppenhaus im wahrsten Sinne des Wortes wieder schmackhaft! Ich streckte ihm eine Tube mit Hundeleberwurst hin und Artos durfte den ganzen Weg durchs Treppenhaus daran schlecken. Er lief freudig wedelnd mit und als wir die Haustür der Nachbarin erreichten, zögerte Artos nur unmerklich und lief dann an der Leberwurst schleckend weiter. Der erste Schritt das Treppenhaus für Artos wieder mit positiven Eindrücken zu verbinden war gelungen. Diese Übung wiederholten wir im Laufe des Tages noch zweimal und Artos freute sich bei der letzten Übung endlich wieder ins Treppenhaus zu kommen. Sandra und ich verabredeten uns für die nächsten drei Tage, um die Übung zu wiederholen. Da Sandra abends noch einmal mit Artos rausgehen musste, bat ich ihren Mann den Part von mir zu übernehmen, damit Artos jedes Mal wenn er das Treppenhaus benutzte die positive Verstärkung bekam. Nach den insgesamt vier Tagen Training lief Artos wieder ohne Probleme durch das Treppenhaus und Sandra fühlte sich wieder sicher. Nun benötigte sie auch keine Leberwurst mehr, denn Artos reichte nun auch wieder ein lobendes Wort von Sandra, wenn er vertrauensvoll mitlief. Die Wasserflasche begleitete Sandra noch einige Zeit, denn damit fühlte sie sich einfach sicherer, auch wenn sie diese nie einsetzen musste. Ich war erleichtert, dass das Problem gelöst war und konnte die Beiden beruhigt alleine lassen.

Ich blieb weiter in Verbindung mit ihr. Einige Monate später meldete sich Sandra erneut bei mir. Sie hatte ein Problem und wusste sich nicht mehr zu helfen. Seit einigen Wochen führte Artos extrem eng an Hauswänden und Treppengeländern entlang und zwar so eng, dass sein Führgeschirr entlangschrammte. Sandra konnte sich das nicht erklären. Immer wenn Artos dieses Verhalten zeigte, hatte sie furchtbar mit ihm geschimpft, was die Lage noch verschlimmert hatte. Sandra wusste sich keinen Rat mehr. Wir vereinbarten einen Termin und als ich an diesem Tag in Sandras Wohnung kam, lief mir Artos freudig wedelnd entgegen. Wir setzen uns zuerst einmal zusammen und Sandra schilderte mir noch einmal Artos Verhalten. Ich fragte Sandra, ob sich in den letzten Wochen etwas an ihren Lebensumständen verändert hatte, was Artos vielleicht irritierte. Sie überlegte kurz und da fiel ihr auf, dass Artos dieses Verhalten genau seit dem Zeitpunkt zeigte, als sie erfahren hatte, dass sie schwanger ist. Das war ein interessanter Hinweis, der uns später noch helfen sollte. Ich bat Sandra um einen Führgang, damit ich mir das Verhalten von Artos ansehen konnte. Während des Führgangs war es wirklich auffällig, das Artos so eng an Hauswänden oder Zäunen entlangführte, dass sein Führgeschirr entlangschrammte, obwohl Sandra auf ihrer Seite noch mehr als genug Platz gehabt hätte. Sandra schimpfte daraufhin mit Artos, was diesen verunsicherte und dazu bewog noch enger an der Hauswand entlang zu führen. Ich stoppte die Beiden und erklärte Sandra, dass Artos augenscheinlich so führte, als ob Sandra schon im neunten Monat schwanger wäre und sehr viel mehr Platz für ihren Bauch brauchte, weswegen Artos immer am äußersten Rand lief um ihr diesen Platz zu gewähren. Ich bat Sandra den Führgang fortzusetzen und Artos nicht mehr zu schimpfen, sondern dieses Verhalten zu ignorieren und ihn dann zu loben, wenn das Führgeschirr mal nicht an der Hauswand oder dem Zaun entlangschrammte. Sandra setzte die Übung sehr gut um und nach einigen hundert Metern, hatte Artos verstanden, worum es ging und führte nun wieder mit etwas mehr Abstand an der Hauswand entlang. Sandra lobte ihn ausgiebig dafür und ich sah Artos die Erleichterung über Sandras verändertes Verhalten direkt an. Da Sandra jetzt verstanden hatte, dass Artos sie nur schützen und ihr mehr Platz auf dem Gehweg einräumen wollte, änderte sich ihr Gefühl von Ärger zu Anerkennung für ihren umsichtigen Hund. Sandra war nun sehr erleichtert, dass sie jetzt den Auslöser für sein Problem kannte und es leicht wieder beheben konnte. Das Artos eine gute Nase für das Anzeigen von Schwangerschaften hatte, bewies er auch einige Monate später, als Sandras Freundin vorbeikam und Artos an diesem Tag komisch verhielt. Er schnüffelt heute sehr intensiv an dem Bauch der Freundin und begrüßte sie nicht so stürmisch wie sonst. Sandra gab ihrer Freundin daraufhin den Tipp einen Schwangerschaftstest zu machen. In der Tat: Artos hatte Recht, denn die Freundin war schwanger und Artos der beste Beweis dafür wie fein die Nase des Hundes ist und Hormonveränderungen riechen kann.

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Hessische Blindenführhundschule