Führhund Labrador Bella

Blindenführhund Labrador Bella

Eine zweite Chance

Juni 2005 Ich fühlte mich unendlich schlapp und das atmen viel mir sehr schwer. Der Lungenarzt überwies mich zur Diagnosefesstellung ins Krankenhaus. Der Verdacht einer Sarkoidose Stadium 2- 3 wurde durch eine Lungenbiopsie schnell bestätigt. Bei einer weiteren Untersuchung wollten sie feststellen, wie viel sauerstoffreiches Blut vom Vorhof des Herzens in die Herzkammer gelang. Die Klappe funktionierte aber nicht mehr vollständig, da der Vorhof sich stark vergrößert hatte. Der Sauerstoffgehalt meines Blutes reichte aber noch aus, um meinen Körper zu versorgen. Es begann sofort die Therapie mit einer hohen Dosis von Kortison. Dies ist die einzige Möglichkeit zur Behandlung dieser Krankheit, egal welche Organe betroffen sind.

Leider wollte man bei mir es in jedem Organ nachweisen, welches unter verdacht stand. So auch in meiner Leber. Die Biopsie sollte mit Hilfe des Ultraschalls durchgeführt werden, leider wurde sie blind ausgeführt.
Ich bekam starke Bauchschmerzen und der Verband blutete durch. Die Schwester legte einen weiteren Druckverband an. Aber auch dieser blutete durch. Es war wertvolle Zeit vergangen. Folge: Multi-Organ-Versagen

In einer Not-OP muss einiges schief gelaufen sein. Eine Niere wurde beschädigt, die Milz und Gallenblase hatten Rissverletzungen. Die Lungen sind mehrfach zusammen gefallen. Die Nieren haben leider auch vollständig versagt, sodass ich an einer Dialyse angeschlossen war. Das größte Problem war aber die Verletzung der Leber. Die Blutung konnte nicht gestillt werden, sodass ich sehr viele Blutkonserven benötigte. Ein weiteres großes Problem entstand, durch die Gabe von blutverdickenden Medikamenten. Ein Blutgerinsel verursachte einen Schlaganfall mit Rechtsseitenlähmung. Es sind mehrere Hirnschädigungen im MRT gesehen worden, aber man konnte nicht genau sagen, welche Folgen sie haben.

Jetzt sollte ich nach Leipzig zu einer Lebertransplantation geflogen werden. Aber wegen schlechten Wetters konnte der Hubschrauber nicht fliegen. Durch die Medikamente der Sarkoidose hätte mein Körper das Organ auch nicht angenommen.
Es blutete immer noch – die Leber wurde in Bauchtücher eingepackt. Die Maschinen hatten mich in der Nacht am Leben gehalten.

Der kritische Zustand veränderte sich nicht bis zum Morgen. Die Ärzte informierten Gerd: „ Wir können nichts mehr für ihre Frau tun. Wenn sich noch jemand von ihr verabschieden möchte, dann wäre jetzt der Zeitpunkt dafür.“ Darauf hin rief er meine Nichte an, damit sie meine Eltern ins Krankenhaus fahren sollte. Meine Mutter brach zusammen, sie konnte es nicht begreifen. Doch irgendjemand wollte es nicht glauben und verhandelte im Hintergrund weiter. Dann betrat plötzlich ein Arzt das Zimmer und sagte:“Bitte verlassen Sie das Zimmer, wir müssen Sie für den Hubschrauberflug fertig machen.“ Er hatte in Berlin Kontakt zu einem renomierten Leberspezialisten aufgenommen. Dieser meinte:“ Wenn sie hier lebend ankommt, dann hat sie eine Chance!“

Eigentlich war ich auch nicht transportfähig, aber die Hubschrauberärztin war die Einzige, die daran glaubte, dass ich es schaffen kann. Sie orderte mehr Blutkonserven und Medikamente an und benötigte zwei Stunden, um mich auf der Trage zu stabilisieren und weitere zwei Stunden im Hubschrauber um loszufliegen, wo sich Gerd von mir verabschiedet hatte. Ich nutzte das 1% Überlebenschance, die sie mir gaben.

Nach vier Wochen im künstlichen Koma im Virchow-Klinikum Berlin und weiteren schweren Wochen in der Uniklinik Dresden konnte ich endlich im Rollstuhl nach Pulsnitz in die Reha.
Zu den vielen körperlichen und seelischen Verletzungen kam eine weitere Diagnose dazu, die mein komplettes weitere Leben verändern sollte. Mein Sehzentrum im Gehirn war zu großen Teilen zerstört worden. Ich hatte nur noch ein Gesichtsfeld von zwei bis drei Prozent, dass entspricht ungefähr der Größe eines Schlüsselloches. Nach neun Monaten war ich endlich wieder zu Hause. Viele Monate vergigen jetzt auch noch mit Therapien und Arztbesuchen.
Wenn Gerd Bereitschaft hatte, konnte er nicht nach Hause kommen. Da flog ich zu ihm nach

Langen,da es im Flugverkehr einen guten Begleitservice gibt. Gerd holte mich am Flughafen in Frankfurt am Main ab. Diesen Service muss man aber vorher anmelden. Also wollten wir das auch gleich für den Rückflug tun. Am Schalter arbeitete eine Azubi, sie schaute über ihren Monitor erst zur linken dann zur rechten Seite und fragte:“ Der Hund fliegt aber auch wieder mit zurück?“ Wir waren überrascht, ich hatte keinen. Dies war für Gerd aber der Anstoß, dass das doch eine Lösung für mich wäre. So begann er zu recherchieren.

Unsere Söhne haben ihre Schulabschlüsse gemacht und ihre Ausbildungsplätze bekommen. Da sie beide in Sachsen bleiben wollten, bekamen sie ihre eigenen Wohnungen. Wir verkauften unser Haus und ich zog zu Gerd nach Langen in Hessen.
Gerd fand im Internet eine Blindenführhundschule und vereinbarte mit ihnen einen Besuchstermin. Am Wochenende fuhren wir dann in den Odenwald. Familie Kohl erklärte uns die Voraussetzungen und Formalitäten , wie man diesen beantragen muss. Natürlich hatten sie einige Hunde da, bisher hatte ich immer viel Angst vor Hunden, aber ich überwand diese und streichelte sie vorsichtig. Kohls konnten uns auch bei den Anträgen viele gute Tipps geben. Leider lehnte die Krankenkasse ab. Gerd schrieb einen Widerspruch, sodass daraufhin ein Gutachten erstellt wurde. Der Gutachter lehnte auch unseren Antrag ab, diesmal hatten sie uns eine Auflage erteilt. Ein Mobilitätstraining unter dem wir uns etwas anderes vorgestellt hatten, als es in Wirklichkeit war. Ich sollte erst den Umgang mit einem Blindenstock erlernen,das war aber nicht ganz so einfach. Wir mussten erst eine Lehrerin dafür finden, dabei half uns dann Familie Kohl. Die Ausbildungsstunden zogen sich über weitere Monate dahin. Aber Frau H. befürwortete in ihrem Abschlussbericht den Blindenführhund und sie war sich sicher, dass er es bei uns sehr gut haben wird.

Inzwischen hatte ich mit einer Psychotherapie begonnen das ganze aufzuarbeiten. Mitlerweile hatten sie auch einen passenden Hund gefunden und die Ausbildung begonnen. Bella lernte sehr schnell, sodass ich im Januar einen Anruf von Tanja bekam:“ Sie ist fertig!“ Ich wusste erst gar nicht, was sie meinte, aber dann klickte es. Der Zeitpunkt war ideal, ich hatte gerade meine letzte Stunde in der Psychotherapie. Ein neuer Lebensabschnitt begann.

Ich lernte sehr viel Theoretisches über Hunde, aber das Beste war mit Bella für mich eine neue Welt zu entdecken. Zwei Wochen kam Tanja zu uns nach Hause und sie brachte mir alles Wichtige bei. Wir gingen in Einkaufsmärkte, wo sie mich und Bella vorstellte und erklärte, dass ich mit Hund einkaufen darf. So erklärten wir das auch in der Apotheke, im Kaufhaus und im Ärztehaus. Ich komme in sehr vielen Einrichtungen gut zurecht, aber es gibt auch andere. Manche wollten, dass ich Bella draußen lies, das lehnte ich konsequent ab. Lieber gehe ich dort nicht mehr hin. Ich mag auch nicht immer zu diskutieren.

Wenn ich mit Bella in unserem Markt einkaufen gehe, müssen wir bestimmte Rituale einhalten. Erst gehen wir zum Bäcker ein kleines Brotkügelchen holen, dann kaufe ich bis zur Wursttheke ein, an der warten schon die Verkäuferinnen , um ihr eine Scheibe Wurst zu geben. Zum Abschluss gehen wir dann zum Bäcker, bei dem ich meine Mittagspause mache. Da bekommt Bella eine Banane und ich esse ein belegtes Brötchen und trinke einen Latte Machiato. Zum Schluss bekommt Sie noch ein Brotkügelchen für den nach Hause Weg. Dafür bekommt sie natürlich abends weniger, damit sie nicht zu dick wird.

Bella hat natürlich viele nette Freunde gefunden . Einer war Lucki, wenn sie ihn sah hüpfte sie vor Freude. Leider starb er letztes Jahr. Aber ich hatte eine Idee, wir brauchten für eine Familienfeier einen Hundesitter für drei Tage und fragten, ob sie nicht Bella nehmen könnten. Sie bekamen leuchtende Augen und sagten:“ ja natürlich, wenn sie sie uns anvertrauen würden.“ Ich hatte keine Bedenken, und so haben wir seitdem ein super Feriendomizil, wo Bella gern hin geht.

Ein weiterer Kumpel ist Leo, ebenfalls ein schwarzer Labrador, nur etwa 15 Kilo schwerer. Er bewegt sich wie ein Teddybär. Wenn sie kurz vor uns unterwegs sind, dann kann Bella nicht schnell genug hinterher bis wir ihn gefunden haben. Nur mit Bella spielt Leo und rennt mit ihr über die Felder. Manchmal schleppen sie zu zweit ganze Baumstämme an. Die Herrchen von Leo zeigten uns auch einen Weyer, um den man herumlaufen kann. Um diesen gibt es einen Weg mit großen Bäumen. Gerade im Sommer, wenn es sehr heiß ist, fahren wir dahin. Bella kann dort immer wieder ins Wasser springen und schwimmen. Für die große Runde brauchen wir dann ca. 1,5 Stunden. Am

Besten ist es, wenn wir noch andere Hunde treffen mit denen sie dann spielen kann. Danach ist sie immer total erschöpft und schläft prima.
Im Sommer bin ich mit Bella und meiner Nichte Jenny zu meinen Eltern gefahren. Sie haben eine kleine 3 Zimmer Wohnung. Wir schliefen im Kinder zimmer auf einem Sofa und auf einer Campingliege, damit war der Platz aber auch schon weg. Wo sollte Bella schlafen? Es gab nur eine Möglichkeit, am Fußende des Sofas. Ich legte ihre Decke dahin und es funktionierte prima. Da ahnte ich noch nicht, was ich da getan hatte. Zu Hause stand dann Bella plötzlich in der Nacht neben mir und schaute mich an. Und mit einem Satz lag sie dann in meinem Bett und dort ging sie auch nicht mehr weg. Inzwischen hatten wir unser Haus fertig gestellt. Unser Schlafzimmer besteht aus zwei Einzelzimmern, die durch eine Schiebetür getrennt sind. Bella ging auf ihren Schlafplatz, ich schloss die Tür und wollte schlafen gehen. Bella sah das allerdings etwas anders. Die Tür gefiel ihr gar nicht und machte Geräusche von sich, die man gar nicht beschreiben kann. Sie waren fürchterlich. Nach ca. 10 Min. hielt ich es nicht mehr aus und öffnete sie wieder. Für diesen Fall hatten wir uns wenigstens ein besonders breites Bett gekauft, indem haben wir alle drei Platz. Diesen Fehler macht man sicherlich nur beim ersten Hund.

Einmal im Jahr besuche ich unsere ehemaligen Nachbarn in Sachsen, diese haben einen Holzdielenboden, der nur mit Bienenwachs versiegelt ist. Bella würde diesen mit ihren Krallen beschädigen. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich hatte eine Idee. Ich kaufte Baby Antirutschsocken und zog am Bündchen ein Band ein. Dies sah so lustig aus, aber es funktionierte. Wir verbrachten ein tolles Wochenende ohne Fussbodenkratzer.

Ich erlebe jeden Tag viele schöne Stunden mit Bella und Gerd. Ich würde sie niemehr hergeben!!!!!

Text zur Veröffentlichung einer Blindenführhundhalterin im Juni 2015

Hessische Blindenführhundschule