Blindenhunde Noah und Oxana

Mein Name ist Noah, naja eigentlich Caro von den Dreieichen. Seit 2006 bin ich bei meiner jetzigen Familie. Mein Frauchen ist blind, ich kam zu ihr um ihr im Straßenverkehr zu helfen, denn ich bin ein Blindenführhund. Die letzten Jahre waren abwechslungsreich und ich hatte nicht nur einiges zu tun, sondern ich konnte auch meine Freizeit in vollen Zügen genießen. Ich denke es hätte mich schlimmer treffen können. Neben unseren drei Katzen war ich aber so ziemlich die Nummer eins zu Hause. Das sollte sich 2014 ändern. Mein Frauchen merkte, dass mir die Treppen auf unserem täglichen Arbeitsweg immer schwerer vielen. Auch der Laute und ziemlich verwirrende  Stadtlärm bereitete mir zunehmend stress. Meine Knochen und Gelenke sind nicht mehr die Besten. Auch die Geschichten der Klienten auf Arbeit meines Frauchens konnte ich nicht mehr hören, diese Menschenprobleme. Kurz gesagt, es wurde die Entscheidung getroffen , ich solle entlastet werden. Mein Frauchen quälte sich sehr mit der Entscheidung, da sie sich fragte, wie ich wohl die Veränderung finden würde. Natürlich dauerte es auch einige Monate bis überhaupt ein Hund gefunden wurde, der passen könnte. Denn meine Menschen entschieden, ein Mädchen müsse her, damit ich noch etwas Spaß im Alter hätte. Die erste Begegnung war der Knaller. Ich stand ziemlich gespannt auf einem Parkplatz irgendwo im nirgendwo, da  kam eine schlanke Gazelle auf mich zu, wau, sah die gut aus. Sie verstand es sehr gut mich um ihre Pfoten zu wickeln. Ging beim  anschließenden Spaziergang stets neben mir und war weder aufdringlich noch unnahbar. Auf dem Rückweg sah ich, wie sie zwischen Herrchen und Frauchen lief und erst zu dem einen aufsah und dann zu dem anderen. Die war sich sicher. Die Trainerin kam uns dann auch mal zu Hause besuchen, man haben wir im Hof getollt. Irgendwie gefiel das alles auch meinen Menschen und sie kam uns jetzt öfter besuchen. Die Katzen staunten auch nicht schlecht. War ich doch immer eher der zurückhaltende, war die kleine Madame eher neugierig und eine Spur aufdringlich. Am Anfang freute ich mich immer sehr wenn sie kam. Doch irgendwann schnallte ich, eh, die zieht hier ein. Die schupst mich von meinem Podest! Naja, ich entschied mich erst einmal zu beobachten. Sie war ja ganz schnuckelig. Dieser ständige Körperkontakt war nur unheimlich ungewohnt. Kaum waren wir im Auto, wir haben den Luxusplatz in einer Hängematte auf der Rücksitzbank, schmiegte sie sich an mich, legt sich manchmal regelrecht auf mich. Wenn man seit über acht Jahren einzel Hund war, ist das schon mal gewöhnungsbedürftig. Aber ich stellte fest, dass sie mir meine Stammplätze nicht abspenstig machen wollte, sie passte sich an. Dann kam der Tag, an dem Meine Menschen, die Trainerin und wir Hunde zusammen eine Runde bei uns zu Hause drehten. Im Ort liefen Herrchen und Trainerfrau hinter uns und Oxana und ich links beide an einer Leine neben meinem Frauchen. Ging auch alles ganz gut, war nichts zu tun, der Bürgersteig war frei. Doch da, ein Container, mitten im Weg, ich sah in sofort. Ich lief auf der Innenseite, Oxana links neben mir. Ich verlangsamte ordnungsgemäß mein Tempo, die Kleine dachte erst einmal nicht daran. Schien sich dann aber zu besinnen guckte erstmal verblüfft und passte sich dann an. Ich blieb stehen und MC Schnulli, wie die Kleine spaßig genannt wurde guckte nicht nur, nein sie glotze. Als ob sie sagen wollte, eh, was soll das denn? Ich blieb stehen um meinen Frauchen zu zeigen, hier geht es nicht weiter. Sie verstand mich auch und sagte „Fein, vorbei  “Also drückte ich MC Schnulli nach links weg und wir umgingen das Hindernis.  So einfach wie es hier klingt war es allerdings in der Praxis nicht, ich musste die Kleine ganz schön drücken, sie diskutierte regelrecht mit mir, war der Meinung der Platz sei ausreichend und wir können ohne Probleme weite laufen. Meine Erfahrung  und meine über die Jahre entwickelte Vorsicht war da allerdings ganz anderer Meinung. Nach gefühlten fünf Minuten gab MC Schnulli nach und beugte sich. Wir mussten die Straßenseite wechseln.  Natürlich blieb ich korrekt am Bord stehen um meinen Frauchen die Stolperfalle Bordsteinkante anzuzeigen.

Jetzt schien Oxana begriffen zu haben, dass wir nicht auf einem Sontagsspaziergang waren. Sie stand mit mir zusammen am Bordsteinrand und himmelte mein Frauchen an, wie eine Grundschülerin, die fast platzt, weil sie etwas weiß und ihr Wissen der ganzen klasse mitteilen  muss.  Natürlich wurden wir gebührend gelobt und weiter gings.

Zum allgemeinen Verständnis muss ich vielleicht der Fairnesshalber einige Details erklären. Wir Blindenführhunde tragen normalerweise Arbeitskleidung, dass weiße Führgeschirr. Haben wir dieses an, müssen wir korrekt arbeiten und natürlich kann ein blinder Mensch auch nur einen Hund am Führgeschirr neben sich laufen lassen. Da mein Frauchen jetzt aber zum Gasse mit zwei Hunden raus muss, funktioniert alles ein bisschen  anders. Oxana und ich laufen nur an der Leine und arbeiten trotzdem. Natürlich zur absoluten Verwirrung der Sehenden Umwelt, die jetzt nicht mehr kapieren, dass mein Mensch blind ist. Je enger die Beziehung zwischen Mensch und Hund wird, desto besser klappt es natürlich und genau das muss MC Schnulli noch lernen.

 

Das Schicksal meinte es heute aber besonders hart mit uns, denn ein paar Meter später kam noch eine Verengung. Wieder wollte die Kleine schnurstrak weiter laufen , doch durch meine jahrelange Erfahrung wusste ich, auch diesen Engpass mussten wir umgehen. Unsere zwei Begleiter liefen hinter uns und staunten nicht schlecht, als sie bemerkten wie ich die junge Dame an die hohen Künste der Führarbeit heranführte. Ich verweigerte natürlich das weitergehen, da einer von uns dreien hängenbleiben würde. Oxana wollte sich an mir vorbei drücken, doch ich blieb beharrlich stehen. Da mein Frauchen mich länger kannte und mir schon in vielen Situationen blind vertraut hatte, glaubte sie auch mir in diesem Moment. Sie schickte Oxana zurück neben mich und sagte „Oxana, aufpassen!“ Man konnte richtig sehen wie es bei MC Schnulli ratterte. Sie schien ganz genau zu beobachten. Na wohl doch kein Nixblicker. Oxana reihte sich ein und ich konnte meine Arbeit weiter machen. Sicher umgingen wir die Hindernisse. Für Herrchen und Trainerin schien es ein ergreifender Moment gewesen zu sein, sie schluckten hörbar und tuschelten leise um uns nicht zu stören. Diese Situationen gab es nun öfter, denn mir war klar, dass die Kleine zwar die Grundausbildung bestanden hatte, aber die Umsetzung im Altag erst noch lernen musste. Wie ein roher Diamant der noch geschliffen werden muss.

Das nächste halbe Jahr war immer wieder mit solchen Lerneinheiten gespickt.

Doch ich lernte nach und nach abzugeben. Im Winter 2014, im Alter von 11 Jahren entschied ich mich in Ruhestand zu gehen. Laufe ich nun mit Oxana und Frauchen zusammen,, soll die Kleine arbeiten, ich habe nun wichtigeres zu tun, markierungsarbeiten! Doch wenn ich mit meinem Frauchen alleine unterwegs bin, dann ist es meine ehrenvolle Pflicht dafür sorgen zutragen, dass der Gang reibungslos verläuft.

Ach ja, Oxana hat sich zur absoluten Streberin entwickelt. Die ist vielleicht arbeitswillig und sowas von führsorglich geworden.  Blöd ist nur, dass jetzt meine „Eskapaden“ mehr auffallen, ich meine mein Frauchen hat nun einen sehr gehorsamen und leinenführigen Junghund und merkt zunehmend, was bei mir nicht klappt. Aber zum Glück habe ich den „Altersbonus“ und im Zweifel denkt jeder, „Ältere Hunde hören auch nicht mehr so gut.!

Sandra Christen mit Oxana und Noah – Mai 2015

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Hessische Blindenführhundschule